Erkrankungen  der  Zähne  und  der  Maulhöhle  treten  bei  Pferden  häufig  auf.  Allerdings fallen dem Besitzer die Symptome einer Zahnerkrankung oft erst dann auf, wenn diese schon weit fortgeschritten ist.

Hinweise auf das Vorliegen einer Zahnerkrankung können sein: Sich-wehren gegen das Auftrensen, Kopfschlagen oder Steigen beim Annehmen des Zügels, fehlerhafte Kopf-Hals-Haltung (Pferd ständig vor oder hinter dem Zügel, läßt sich schlecht seitwärtsstellen, Verwerfen im Genick), aber auch oft als "Rückenproblem" fehlinterpretierte Symptome wie schwungloser steifer Gang und Schweifschlagen oder Ohrenanlegen beim Reiten. Wird ein Pferd nicht reiterlich genutzt oder mit gebißloser Zäumung geritten, treten die genannten Symptome oft nicht deutlich zutage und eine Zahnerkrankung macht sich erst bemerkbar, wenn bereits eine gestörte Futteraufnahme (zögerliches Fressen, einseitiges Kauen, Wickelkauen, Fallenlassen oder Verweigern von hartem Futter) besteht, schlecht zerkleinerte Futterbestandteile mit dem Kot abgesetzt werden oder übler Maulgeruch auftritt. Aber auch Körpergewichtsverlust trotz anscheinend ungestörter Futteraufnahme kann ein Hinweis auf bestehende Zahnprobleme sein.

Die Untersuchung von Maulhöhle und Zähnen im Rahmen einer Allgemeinuntersuchung genügt oft nicht, um die meisten dieser Erkrankungen aufzuspüren. Zu einer vollständigen Untersuchung der Maulhöhle zählen neben der Adspektion (einfache Sichtkontrolle) auch die Palpation (manuelle Untersuchung durch Abtasten) von Zähnen, knöchernen Strukturen, Lippen, Wangen, Zunge und Maulschleimhaut, was normalerweise nur unter ausreichender Sedierung (medikamentelle Ruhigstellung) des Pferdes möglich ist. Durch den Einsatz moderner kurz wirkender Sedativa hat sich die Zahnuntersuchung und -behandlung bei Sportpferden inzwischen als jährliche Routinemaßnahme etabliert. Als wichtiger Beitrag zur Gesunderhaltung sollte aber auch dem Freizeitpartner oder Zuchtpferd der jährliche Zahnarzttermin nicht vorenthalten bleiben. Je nach Alter des Pferdes und damit dessen Zahnstatus stehen bei Untersuchung und Behandlung bestimmte Gesichtspunkte im Vordergrund:

Fohlenalter bis 2 Jahre:
Bei Fohlen ist vor allem auf die richtige Reihenfolge des Zahndurchbruchs und die Stellung der Milchschneidezähne zu achten. Die Milchbackenzähne sollten alle sechs Monate auf scharfe Zahnspitzen, falsche Abnutzung und fehlerhafte Anzahl und Stellung untersucht werden. Bei Vorliegen schwerer Zahnfehlstellungen können chirurgische oder kieferorthopädische Maßnahmen in Betracht gezogen werden.

2 bis 5 Jahre:
Junge Reitpferde sollen sich in dem Zeitraum an die Trense gewöhnen, in dem die Veränderungen im Kiefer am ausgeprägtesten sind. Während dieser drei Jahre fallen alle 24 Milchzähne aus und 36 bis 44 bleibende Zähne brechen durch. Zahnfleischentzündungen, lockere Milchzahnkronen oder Kappenreste können Schmerzen und damit verbunden Probleme bei der Futteraufnahme und beim Reiten verursachen. Ein assymmetrischer Verlust der Milchzähne kann zu einer ungenügenden Okklusion (Aufeinandertreffen der gegenüberliegenden Zahnreihen) und fehlerhafter Zahnabnutzung führen. Durchgebrochene oder blinde Wolfszähne können Probleme mit der Zäumung verursachen. Manche Hengstzähne können die locker aufsitzende Maulschleimhaut nicht durchstoßen, was zu schmerzhaften Eruptionszysten führen kann. Bei allen jungen Reitpferden sollte daher das Gebiß halbjährlich kontrolliert werden.

5 bis 10 Jahre:
Im Alter von 5 Jahren sollte der Zahnwechsel vollständig abgeschlossen sein. Die Pferdezähne wachsen weiter in die Maulhöhle hinein, weshalb eine jährliche kritische Begutachtung hinsichtlich Okklusion und Abrieb besonders wichtig ist.

10 bis 18 Jahre:
In diesem Alter stellt ein ungleichmäßiger Abrieb ein bedeutendes Problem dar. Die Ausbildung von Stufen und Haken sowie eines Wellengebisses können ausgedehnte Korrekturen erfordern, damit das Pferd seine physiologische Zahnstellung zurückerhält.

18 Jahre und älter:
Jedes Pferd, das lange genug lebt, nutzt seine Zähne bis zu den Wurzeln ab. Die Kaufläche wird dann weich, weil die Wurzel anders als die Zahnkrone keinen Zahnschmelz enthält. Während des fortschreitenden Alterns akkumulieren verschiedene Störungen der Okklusion und des Abriebs, so daß die Ausbildung eines senilen Gebisses mit all seinen negativen Auswirkungen auf Kauen und Verwerten des Futters ohne regelmäßige Zahnkorrektur vorzeitig eintreten kann.

Ziel einer vollständigen zahnärztlichen Untersuchung ist stets die Erstellung eines individuellen Behandlungsplanes, der im Anschluß an die Befunderhebung sofort ausgeführt werden kann. Sollten einmal ausgedehntere oder schmerzhafte Behandlungsmaßnahmen nötig sein, bestehen die Möglichkeiten einer Vertiefung der Sedation (Verabreichung längerwirkender Beruhigungsmittel), der Schmerzausschaltung durch Lokal- oder Leitungsanästhesie (örtliche Betäubung) oder der Durchführung einer kurzdauernden Allgemeinnarkose. So kann die Behandlung für den Patienten und dessen Besitzer so angenehm und stressfrei wie möglich erfolgen.